Schwule 2.0

Parallelwelten

Nach nun einigen Jahren, in denen man zumindest in unseren Breiten relativ offen schwul leben kann, tendieren doch noch viele unserer Neigungsgenossen zum lügen und verstecken. Und ich werde einen Teufel tun, mich selbst davon auszunehmen. Nein, auch in meinem Gayromeo-Profil sind ein paar kleine Flunkereien eingebaut. So bin ich online ein Jahr jünger, 5 Kilo leichter und ob mein Schwanz tatsächlich der Größe „L“ entspricht, mag auch subjektiv sein. Aber warum tun wir so etwas? Spätestens wenn eine Bekanntschaft mal über den Cyberspace hinaus geht, fliegt der Schwindel doch sowieso auf?! Dann sieht man mir die 5 Kilo mehr an und wenn der Typ mit mir Sex haben will, wird er wohl oder übel mit meinem Schwanz leben müssen.

Persilschein-Profile

Dann gibt es da noch die anderen Vertreter der Gattung „Schwuler 2.0“, welche die Freiheit des Internets sogar soweit ausreizen, Nacktbilder von sich ins Netz zu stellen. Also wenn ich mir vorstelle, dass jeder, dem ich auf der Straße begegne, wissen könnte, wie ich nackt aussehe, wird mir ganz anders. Vor allem wo es eben gerade nicht die Adonis-Typen sind, die dieser Usergruppe angehören. Zu guter Letzt bleiben neben den ganz „normalen“ Benutzern, noch diejenigen mit den Zweit-Profilen. Jene mit einem Persilschein-Profil, welches nett und artig ist und einem anderen Profil, mit dem sie Ihre dunkelsten Phantasien herauslassen. Und glaubt mir, ich habe da Fetische gesehen, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen konnte. Auch wenig anregend sind die meisten Gespräche über´s Netz. Da schickt Dir jemand eine Nachricht aus nur einem Satz oder Wort, hängt aber gleich halsabwärtige Nacktbilder an. Wenn Du dann aber nach einem Foto seines Gesichtes fragst, ist plötzlich Funkstille. Oder Du unterhältst Dich tatsächlich mal gut und lädst ihn ins Kino ein. Dann bekommst Du zur Antwort, ein Sexdate wäre okay, aber ausgehen sei doch ein wenig zu persönlich. Das stellt manchmal mein Weltbild auf den Kopf. Wann war der Zeitpunkt wo Sex zu einer anonymen Freizeitbeschäftigung wurde, die man mit jedem macht?

Der gläserne Schwule

Aber das schwule Internet hat noch ganz andere Seite zu bieten. Allen voran und meistgeklickt natürlich die Pornoseiten. Auch hier gibt es für jeden Geschmack etwas. Der Bär mit dem Boy, der Boy mit dem Toy und und und… Na Ihr kennt das ja! Dann die News-Seiten und Guides, welche die schwule Welt in allen Facetten beleuchten und Dir alle Gay-Locations und Treffs in Deiner Stadt zeigen. Und natürlich die Seiten für die Jungschwuppen, die noch Ideale haben und glauben, im Internet wirklich den Traumprinzen finden zu können. Bleibt eine abschließende Frage. Hat uns das Internet nun freier gemacht oder nicht? Ich persönlich werde sie mal mit „Jein“ beantworten. Ja, ich finde online jede Info über die schwule Welt, die ich will und lerne schnell und leicht neue Leute kennen. Nein, weil sie uns in einen Konkurrenzkampf um das beste Profil zwingt und die Transparenz des Word Wide Webs uns zum gläsernen Schwulen gemacht hat. Würde ich hier meinen Gayromeo-Nicknamen verraten, wüssten die meisten wer ich bin. Aber ich treffe Euch lieber wieder in der normalen Welt, zum Beispiel im BOYS´n`BEATS.

Euer Andi

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